Anmerkungen zu “Der Widerspenstigen Zähmung”

März 3rd, 2009

Letztens stieß ich im Netz auf die Homepage einer “viersprachigen Dolmetscherin” und überzeugten Feministin (Eigendefinition), die, wie Millionen andere auch, ein öffentliches Tagebuch im Web führt, in dem sie der weltweiten community berichtet, “daß sie gestern in Berlin im Theater war, ein Stück von Kleist sah, welches sie dufte fand “, gemeint war die Aufführung, “obwohl eine Schar Kinder Lärm machte.” Zuvor war sie in New York, dort zwickte sie der BH, worauf sie sich einen neuen kaufte, usw., usf.. Gut, das ist nicht der Grund, warum sie in der versfabrik.at zitiert wird, vielmehr wegen ihrer Überzeugung als “Feministin”, daß Shakespeares “The Taming of the Shrew” (Der Widerspenstigen Zähmung) mit einem weltweiten Aufführungsverbot belegt werden müßte. Ja, auch viele Shakespearefreunde und v.a. solche, die sich dafür halten, haben mit diesem Stück gröbste Probleme, manche behaupten sogar, das Werk stamme nicht von Shakespeare, sondern wurde ihm böswillig untergeschoben. Warum? Weil sie, wie die meisten Menschen, Knechte ihrer Vorurteile sind, wobei das Stück auch noch in unserem Jahrhundert seine zeitlose Aktualität beweist. Denn, was wird dem Leser und Zuseher vor Augen geführt? Die “Zähmung” einer “Widerspenstigen” mit Methoden, die wir heute als Folter bezeichnen würden, wie permanenter Schlaf-und Nahrungsentzug, und zwar so praktiziert, daß das Opfer einer Gehirnwäsche unterzogen wird, bis es als Ich-lose Puppe auf Knopfdruck jedem noch so unsinnigen Befehl ihres Herrn nachkommt. Im heutigen Sinn: Ein Nicht-Angepaßter, ein “Verhaltensauffälliger”, im Stück eine Frau, die sich dem patriachalischen Diktat nicht unterordnen will, wird von ihrem Vater gegen ihren Willen mit einem rabiaten Freier zwangsverheiratet, wodurch die Frau in den Besitz ihres Gatten übergeht. Der zögert auch keinen Augenblick und beginnt mit Sadismus und Brutalität die Persönlichkeit der Frau total auszulöschen, bis sie am Schluß, wie schon gesagt, eine willenlose Puppe ist, die an den Demütigungen ihres Peinigers Gefallen findet. Selten wurde das Auslöschen einer Persönlichkeit eindringlicher auf die Bühne gebracht, als in “The Taming of the Shrew”. Also, wo liegt das Problem? Denn nur Narren oder Personen, die das Stück nicht kennen, unterstellen Shakespeare Sympathie für Petruchio, dem sadistisch-brutalen “Zähmer”, oder dessen Tun. Manche sagen, die Gestaltung des Stoffs als Komödie sei das Problem. Worauf ich antworte: Wie sonst, wenn nicht als Komödie, hätte er diese Materie transportieren können, sofern wir davon ausgehen, daß Shakespeare seine Dramen schrieb, damit sie auf der Bühne auch aufgeführt werden. Gerade die Form der Komödie macht dieses Stück zu einem Meisterwerk der Subversion, das das lachende Publikum in dem Ausmaß vorführt, wie die “Welt der männlichen Gebieter” auf der Bühne.
Beim genaueren Betrachten der meisten “Komödien” Shakespeares, ob “Maß für Maß”, “Der Kaufmann von Venedig”, “Wie es euch gefällt”, “Ende gut, alles gut” u.a.m., sind die positiven, männlichen Helden in der Regel Phrasendrescher, Maulhelden, mit einem Wort Charakterschwächlinge. Ganz anders die wichtigen Frauenrollen, die nicht nur in ihren weiblichen Attributen positiv gezeichnet werden, sondern auch an Geist, Witz, Mut und Tatkraft ihren männlichen Widerparts haushoch überlegen sind. Doch dieser Werkkontext wird bei “Der Widerspenstigen Zähmung” einfach ignoriert. Anscheinend ist die Literaturkritik bis heute nicht in der Lage, die dem Stück immanente Kritik am Patriarchat Shakespear zuzutrauen.
Genaugenommen versagen bei Shakespeares Nicht-Tragödien die herkömmlichen Gattungsmerkmale der Komödie in solchem Ausmaß, daß für die späteren Komödien des Dichters der Begriff Romanze als Krücke verwendet wird, um das Faktum zu verschleiern, daß Shakespears Dramen zwar die Gattungskonventionen befriedigen, aber nur zum Teil, zum anderen Teil werden diese Konventionen unterlaufen und überwunden. Gerade das macht, neben der unvergleichlichen poetischen Kraft seiner Sprache, ihre Einzigartigkeit, zeitlose Gültigkeit und folglich ihre Aktualität in nicht geringem Maße aus.

Im Wald

März 3rd, 2009

Im Laub verborgen knien gespannt Soldaten,
Bereit zu töten, wie ein Arzt Geschwüre
Aus Leibern schneidet. Junge Offiziere
Im Glück. Da fällt ein Hagel von Granaten.

Woanders unterschreiben Herrn Papiere,
Verjährte Mönche orgeln Restkantaten.
Das Küstendickicht entern Schmutzpiraten.
Im Wald verrotten elend Baum und Tiere.

PS: Aus d. Vorzeit d. versfabrik.at

Die Rückkehr der Mumie

März 2nd, 2009

In Kärnten wurde gestern ein Kadaver zum Landeshauptmann gewählt, das ist in der Tat einzigartig, wenn die Witwe des Helden bei der Siegesfeier der Orangen, das Bild der Leiche in die Kamera hängt, mit Tränen in den Augen “Jörg” wispert, Jörg, der Karawankensigurd, der Hero aller Kuhstallhomos, der im Vollsuff und mit 170km/h seine Limousine zu Schrott fuhr und selbst direkt in den Himmel bzw. die Hölle raste und dabei seine Buberlpartie in ihrer Not allein auf der Erde zurückließ, Jörg, der als Mumie, als Würmerspeise oder als Asche, was auch immer und wo auch immer er jetzt faulen oder stauben mag, heller strahlt als das Gros der restlichen Provinzpolitiker dieses Landes, das einer Posse ähnlicher ist als einem Staat. Jörg, wir gratulieren zu diesem sensationellen Wahlerfolg, der nicht nur die Andersartigkeit Kärntens eindrucksvoll belegt, sondern auch der Abartigkeit des Austriakentums ein bleibendes Denkmal setzt, für das uns die tiefsten Provinzen in den hintersten Winkeln der Erde beneiden dürfen.
Glück auf, du gottgleicher Inhalt einer schnöden Urne.

Ihr und Ich

März 2nd, 2009

Ihr Leute, langsam wird es öde,
Denn ganz egal, wo ich auch bin,
Ein jeder glotzt mich an wie blöde,
Als brächte es ihm gar Gewinn,
Ob alt, ob jung, ob Frau , ob Mann,
Und ich weiß nicht, wie mir geschieht,
Ob früh, ob spät, ob irgendwann,
Als ob ich etwas bin, das blüht.
Vielleicht könnt ihr an mir nicht riechen,
Das, was euch einig macht: Gestank,
Gehorsam und der Wunsch zu kriechen,
Das fehlt mir wirklich, Zeus sei Dank.
Der Mensch als Masse ist zuwider
Mir immer schon, ich sag es frei,
Die Macht der Masse zwingt mich nieder,
Sie quetscht das Ich zu einem Brei.
Sie macht aus Menschen Marionetten,
Das Leben lieblos, leer und dumpf,
Sie schnürt das Sein in schwere Ketten,
Und macht die Erde voll zum Sumpf.

Wertewandel

März 1st, 2009

Es wandelt Zeit die Werte,
Wo hinter Gitterstäben
Verkümmert jede Fährte
Wie unser ödes Leben.
Und Dichter sind nur Laffen
Und Denker sterben aus,
Zuvor schon die Giraffen,
Doch dafür bleibt die Laus.
Und Dichter spielen Lego,
Denn Laptops und PC
Erschaffen schnell ein Ego
Und trinken nicht mal Tee.
So wandeln sich die Zeiten,
Die Menschen treten ab,
Und trampeln auf den Leuten
Und treten nicht zu knapp.
Es naht die Zeit der Klone,
Der Fortschritt: Kollektiv.
Wer jetzt sitzt hoch am Throne,
Der fällt bald ziemlich tief.

Der Ort, wo wir uns treffen

Februar 28th, 2009

Es ist der Atem, der die Worte trägt.
Es ist ein Dichter, der die selben pflegt,

Sie fügt in Verse, nicht so irgendwie,
Und diese klingen läßt als Melodie.

Es ist der Leser, den der Vers berührt,
Wenn er im Klang des Dichters Atem spürt.

Und Mode, Zeit und Raum verschütten nicht
Den Ort, wo sie sich treffen, das Gedicht.

PS: aus der Vorzeit der versfabrik.at

Die Fratze

Februar 27th, 2009

Ach, ich hab die Schnauze voll
Von dem ganzen Welttheater.
Gestern Nacht soff ich wie toll.
Heute frißt an mir der Kater.
Nur die Fratze dieser Welt
Bleibt mir unerträglich, ist
Wie im Horrorfilm, entstellt,
Zugeschissen und verpißt.

Obama

Februar 27th, 2009

Laut brülln alle: Yes, we can!
Feierlicher noch: Obama!
Daß die Ohren platzen, denn
Diese Welt ist kein Nirvana.

Fehlurteil der Geschworenen

Februar 27th, 2009

In Vigo, einem Kaff in Spanien, sprachen die Geschworenen in einem Prozeß einen Mörder, der zwei Homosexuelle mit 60 Messerstichen niedermetzelte, vom
Vorwurf des Mordes frei und billigten ihm Notwehr zu. Warum: Er heulte und schluchzte vor den vorwiegend weiblichen Geschworenen so herzerweichend,
daß diese in das Geschluchze einstimmten. Dies ist zwar überaus bedauerlich, aber noch lange kein Grund bzw. Vorwand, die in Europa ohnedies schon ausgehöhlte und bei der Justiz überaus unbeliebte Laiengerichtsbarkeit abzuschaffen, die immerhin ein gewisses Regulativ gegen die Allmacht
der Richter darstellt. Davon abgesehen, irren Berufsrichter in noch weit höherem Ausmaß, nur daß diese Fälle meist nicht so spektakulär bzw. medientauglich
sind. Für die vielen, unschuldig Verurteilten ein schwacher Trost.

Nebelkrähe

Februar 26th, 2009

Heut sah ich eine Nebelkrähe,
Die schon begann ihr Nest zu bauen.
Der Winter geht, doch kommt ein Grauen,
Wenn ich weit in die Zukunft sehe.