Archive for Januar, 2015

Haarig

Samstag, Januar 31st, 2015

In schweren Stiefeln wankt er durch die Pfützen,
Durch grau verfärbten Schnee, die Hände rot
Und dick wie Schwämme, die aus Löchern schwitzen,
Im Anorak. Und der Gedanken Kot

Verstopft die Rinde. An den Häuserecken
Schärft Wind mein Mundwerk. Männer tragen Bärte,
Ins Kinn geschraubte schwarze Urzeitzecken.
Ein Geist auf Schimmelpilz und Rückwärtsfährte.

Ich aber brauche schnell ein Fass Benzin.
Das macht die Beine leicht wie von Gazellen.
Dann heißt es fort, nur fort vom Friedhof Wien.
Und neu erblühn am Strand, im Spiel der Wellen.

Der erste Schnee *

Sonntag, Januar 25th, 2015

Der Himmel öffnet seine Winterschleusen,
Mit dichten Flocken unter grauer See.
So fällt in diesem Jahr der erste Schnee.
Ein kalter Wind schickt Blätter noch auf Reisen.

Am Fensterbrett versammeln sich die Meisen
Um Nüsse, schnatternd, wie zum Fünf-Uhrtee.
Der Himmel öffnet seine Winterschleusen,
Mit dichten Flocken unter grauer See.

Gedanken fahren hoch, bis sie entgleisen.
Im dünnen Schuhwerk friert manch nackter Zeh.
Die Welt scheint weich und weiß wie ein Püree.
Das Jahr ist welk; mit uns, das wird sich weisen.
Der Himmel öffnet seine Winterschleusen,
Mit dichten Flocken unter grauer See.

*für Gerda

Wintersong

Sonntag, Januar 18th, 2015

Vom Dachrand grüßen höhnisch kichernd Krähen.
Ein feister Hund jault ärgerlich zurück.
Hausierer preisen das verlauste Glück,
Das sie, uns blendend, in die Taschen drehen.

Im Keller tanzen Ratten, blasen Flöten,
Und Rentner reiten taktlos übers Bett
Und kriechen ächzend weiter zum Klosett,
Indes im Beichtstuhl speien feucht Trompeten.

Am Abend schütteln Glocken braunen Schnee
Vom Himmel nieder auf die Heimatlosen,
Die frierend schwanken über die Chaussee.

Und später noch beginnt der Wind zu tosen,
Verfängt sich kreischend in den nackten Zweigen,
Zieht fort. Allein tönt dann das Schweigen.

PS: aus d. Vorzeit d. versfabrik.at

Winterkrähen

Sonntag, Januar 11th, 2015

Aus Rußlands Kälte fliehn sie Jahr für Jahr,
Um hier bei uns den Winter zu verbringen,
So wie es schon in alten Zeiten war,
Trotzdem wir sie als Gäste nie empfingen.

Wie Statuetten, ohne Regung kauern
Und schweigen sie gelassen in den Bäumen.
Und fliegen kreischend auf in meinen Träumen,
Und schwinden in den dichten Nebelmauern.

Im Morgengrauen sah ich sie spazieren,
Auf schneebedeckten Wiesen, lange Schnäbel
Durchdringen harten Frost wie Reitersäbel.
Und manchmal darf ich ihr Geheimnis spüren.

In dunklen Augen ruhen die Dekaden.
Sie schauten dem Jahrhundert ins Gesicht.
Wer trauert um den toten Kameraden?
Wer fühlt, daß ringsherum die Welt zerbricht?

Bald kommt der Tag, da sie in großen Scharen
Die lange Reise in die Heimat wagen.
Dann heißt es Abschied nehmen, bang die Fragen:
Was kommt zu uns wohl in den nächsten Jahren?

PS.: aus d. Vorzeit der versfabrik.at

Wintersonett

Samstag, Januar 3rd, 2015

Im Herz der Stunden wuchert still der Rost.
Es schlenkern der Platanen Silhouetten
Im Wind wie bleiche Schatten von Skeletten,
Und ächzen läßt die Türen scharfer Frost.

Am Futterhäuschen tummeln sich die Vögel
Und in der Stube träumen Katz und Hund
Beim warmen Ofen, weil durchs Fensterrund
Der Himmel sich herabsenkt wie ein Segel,

Das vollgebläht beinahe streift das Haupt
Des Alten, der durch dichte Flocken Schnee
Nach Hause eilt, der Hoffnung schon beraubt;

Als sänke er in einen tiefen See,
Verspürt er, wie sich alles um ihn dreht
Und immer schneller wird und dann vergeht.