Versfabrik

Vers oder nicht Vers, das ist hier die Frage…

Ausblick

14. Februar 2020 by author

Der Junge vor mir sagt, he, alter Mann,
Die Welt ist voll im Arsch, ich tanz auf ihr.
Ich blicke um mich, seh ihn lange an,
In den Gedanken juckt mich ein Geschwür.

Ich fühl´s in jeder Zelle, ich bin alt
Geworden, doch ich spreche zu ihm, Kind,
Ja, tanze heute, tanze morgen, bald
Fehln dir die Beine, um zu tanzen. Wind

Und Kakerlaken balzen in den Gassen,
Begrenzt von himmelhohen Hausruinen,
Aus deren Fenstern Pilze wachsen. Fassen
Wird dich wohl eine von den Menschlawinen.

Und dann geht´s immer schneller Richtung Grund
Mit dir und all der andern jungen Brut.
Vielleicht bellt irgendwo ein netter Hund
Als Epilog, weil mancher das halt tut.

Erinnerungen *

6. Februar 2020 by author

Vor meinen Augen
Gestrüpp im Mund ein flaches
Wort oder Tage
Schneller als Beine laufen
Auf einem Weg ohne Ziel
Frage mich wann und
Wo wir uns trafen
Dereinst im Schatten
Alter Bäume haust der Traum
Bunt sein Gefieder
Auf breiten Schwingen
Steigt er hoch durch die Wolken
Ins Blau schließe die Augen
Und singe ein Lied

* für Gerda

Zukunft

28. Januar 2020 by author

Die Augen brennen und die Nase rinnt.
Wir schreiten schneller als erwartet fort.
Die Kehle ausgedörrt, der Körper schwitzt.
Die Zukunft, die wir schaffen, ist ein Ort,
Wo das gerühmte Zweibein nicht gewinnt.
Nein, Kakerlaken, Wanzen herrschen dort.
Und wir, wir hinterlassen Berge Müll,
Wo einzig der Gestank noch hausen will.

Spital

24. Januar 2020 by author

Ein weißer Kittel schwebt an mir vorüber.
Aus spitzen Lippen schrumpft ein hohles Wort.
Ich weiß, ein Teufel sitzt auf dem Abort.
Im Nachbarbett freut sich das gelbe Fieber.

Die Zimmer sind gefüllt mir Mensch - Maschinen,
Und Parasiten herschen in den Gängen.
Wo sich die Perspektiven nur verengen,
Da sterben die Gedanken schnell wie Bienen.

Ich steh beim Fenster, höre die Sirenen,
Seh Blaulicht, Nachschub für das große Tier
Wird rangekarrt in Mengen, und ich spür
Den Wahn ringsum in allen meinen Zähnen.

Priesterseminar

22. Januar 2020 by author

Der Zögling muß des Bischofs Murmeln lecken,
Den Runzelsack bedienen wie die Glocken
Im Kirchturm, bis die ersten feuchten Flocken
Blaß schäumen aus dem aufrecht steifen Stecken.

Des Knaben Lohn hierfür sind reife Pflaumen,
Die ihm sein Lehrer in das Kotloch schiebt,
Samt dürrer Finger, ruhig und geübt.
Hernach schürft er die braune Schicht vom Daumen.

Das Loch wächst lang mal breit und Jahr für Jahr,
Wo es gar häufig auch die Brüder stopfen.
Als er- nun Schwamm- verläßt das Seminar,

Reicht ihm der Bischof einmal noch den Finger.
Der Abschiedskuß auf den geliebten Dünger,
Läßt ihm das Herz im Brustkorb stürmisch klopfen.

Ein tiefes Blau *

13. Januar 2020 by author

Irgendetwas Großes ist mit mir geschehen.
Nichts ist heute so, wie es noch gestern war.
Während sich die schwarzen Schrauben weiter drehen
In des Daseins Schläfen, wird um den Bazar
Eng gespannt und schnell ein Stacheldrahtverhau.

Doch ich fühle mich fast wie ein neues Wesen,
Und mich kümmert weder Stau noch Kreisverkehr;
Spüre, wie sich feste Knoten einfach lösen,
Und Gedanken fließen, fließen bis ins Meer,
Wo sich End und Anfang paarn in tiefem Blau.

* für Gerda

Ende und Anfang

6. Januar 2020 by author

Ich weiß nicht, doch es sind schon mehr als dreißig Tage,
Da ich durchs Leben taumle, meistens voll bezecht,
Doch nicht, weil manche sagen, es ist ungerecht,
Daß Menschen andre Menschen auf den Händen tragen.

Ich klettere bis auf den Wipfel einer Tanne
Und sehe ringsum, wie die Bäume nordwärts fliehen,
Indes aus Wolken über mir die Blitze blühen.
Doch meine Löwin ist so fern. In der Savanne

Hat sie sich einen anderen im Nu gefunden.
Gemeinsam mit ihm schwimmt sie durch den blauen Nil,
Um zu verschmelzen dann im wilden Katzenspiel.

Ich hör das Echo. Und im Schatten kalter Stunden
Verblassen all die Worte, Bilder. Doch was bleibt,
Ist etwas Neues, das jetzt die Geschichte schreibt.

Der dunkle Kontinent *

1. Januar 2020 by author

Ich hab mich verirrt
Im Dickicht meiner
Gedanken streifen
Hyänen oder
Uralte Zedern
Träumen vom Tod
In lehmigen Stiefeln
Gibbons hängen
An langen Schwänzen
Vom Astwerk des Mondes
Auch viel anderes
Getier haust in der
Wildnis der weiten
Zwischen den Schläfen
Atmen die Winde
Den Dünkel der Zeit
Und Pilze wuchern
Bis zum Horizont
Dehnt sich das Blau
Ein umgestülptes Meer
Auf Stelzen aus Stein

*Neufassung(EV 22.5.2010)

Alaska (Ts)

22. Dezember 2019 by author

Komm, laß uns heute nach Alaska fliegen,
Eisschollen auf dem Yukon-River zählen,
Die Haut der Stunden bis zum Knochen schälen
Und aus dem Mark ein kleines Häuschen biegen,

Das Traubenblau des Himmels von den Stiegen,
Die sich in höchste Lüfte winden, pflücken,
Durch kleine Löcher ins Nirwana blicken,
Wo nichts zu Ende geht in langen Zügen.

Dort wollen wir die Dämmerung besteigen
Und unsre Köpfe in das Dunkel neigen,
Schnell einen Tunnel graben bis ins Herz

Der Finsternis, ein Kuß dem Feuerdrachen,
Auf einer alten Harley durch den Rachen
Der Trägheit röhren, immer heimatwärts.

Die Nacht

15. Dezember 2019 by author

Städte, Länder, fremde Leute
Kreuzte ich in einem Jahr.
Aber nichtig scheint es heute,
So, als ob´s ein Traum nur war.

So, als wär das ganze Leben
Bloß ein Film, der zu schnell läuft,
Zwischen Zäunen, hinter Stäben,
Auf der Rolle, die schrill schleift.

Bald schon ist das Jahr zu Ende.
Und was bleibt? Ich weiß es nicht.
Morgens rot beschmierte Wände?
Eine Lampe, die zerbricht?

Kalt ist mir in solchen Stunden,
In des Winters weißer Pracht.
Doch mein Herz will nicht gesunden,
Will die dunkeltiefe Nacht.

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