Versfabrik

Vers oder nicht Vers, das ist hier die Frage…

Gummihosen *

14. September 2019 by author

Seit meiner Kindheit trag ich Gummihosen,
Und werde sie noch in der Hölle tragen.
Jetzt hör ich schon die Besserwisser sagen:
Sein Harn-Verhalten ist´s, vielleicht Neurosen.

Bleibt mir vom Leib mit Klugschiß und solch Posen,
Sonst will ich euch mit Worten kräftig schlagen.
Seit meiner Kindheit trag ich Gummihosen,
Und werde sie noch in der Hölle tragen.

Der Intellekt, der haust bei den Franzosen;
Der Deutsche muß Gedanken sich erjagen;
Die Austriaken stopfen voll den Magen,
Ich aber weile zwischen Herbstzeitlosen.
Seit meiner Kindheit trag ich Gummihosen,
Und werde sie noch in der Hölle tragen.

* für Gerda

Bäume (T)

6. September 2019 by author

Am Wegrand standen
Pappeln, als ich ein Kind war,
Und Kastanien
Waren die Hüter einer
Kleinen Kapelle. Vorm Haus
Wuchs ein Birnbaum, weiß blühend
Vor allen andern. Viel Zeit
Ist seither vergangen. Doch
Manchmal träume ich
Vom Klettern in den Zweigen.

Vorm Fenster späte Rosen

31. August 2019 by author

Vorm Fenster späte Rosen
Die Birke trägt heut gelb
Am Himmel Krähen
Voll Hohn ihr Geschrei
Ein roter Maulwurf
Gräbt in Gedanken ein Schloss
Zwischen die Wolken nachts
Wenn der Mond erwacht
Suche ich in den Winkeln
Vergessener Tage
Nach Spuren im Staub

Banditen (TS)

23. August 2019 by author

Der Mond, der alte Gauner, will nicht beichten,
Versteckt sich hinter Wolken, daß der ganze
Geblähte Himmel aussieht wie ´ne Wanze
Mit roten Lippen, die die Luft befeuchten.

In gelben Gummistiefeln gehn die Stunden
An mir vorbei, hinab die Stufen in
Den Keller, gehn zu Ende. Kein Gewinn
Für mich, nur närrisches Gebell von Hunden.

Am Trottoir versammeln sich Passanten
Und lachen sich die vollen Augen leer.
Wir gleiten durchs Gewühl auf weichem Teer.

Die Ruder schlagen Wellen, Konsonanten
In hohle Köpfe, dann folgt Körperpflege
Mit stumpfem Hackebeil und Motorsäge.

Pissoir (FG)

16. August 2019 by author

Den Anfang machen stur und steif Gerüche
Das Zückfeld spreizen Porzellankokotten
Am Spülrand hausen Steh-Greif-Hottentotten
Die Wände tragen schwer obszöne Sprüche

Hier rüttelt mann das Ding bis es entleert
Und schamlos wird des Nachbarn Scham begafft
Vom Spiegel blinzelt trüb die Körperhaft
Im Rinnstein läuft das Leben ungeklärt

Manch Bengel streikt und treibt den Herrn zur Wut
Manch einer spritzt freihand auf fremdes Bein
Gar viele fühlen sich zu kurz und klein
Am Boden Staub auf den Bestecken Blut

Ein Mageninhalt stürzt sich ins Geschehen
Ein Suchstrahl findet seinen Bräutigam
In Ruh und Schweigen harrt der saure Damm
Indes nach hinten blaue Winde gehen

Die Trauerweide

10. August 2019 by author

Der Baum ist eine alte Trauerweide,
An deren Stamm gelehnt ich gerne sitze,
Am Abend, wenn die Sonne rot vor Freude
Den Horizont verfärbt in eine Pfütze.

Der Wind spielt mit den Zweigen, mit den Haaren,
Und fern im Osten steigt ein schlanker Mond.
Ich hör die Grillen, denk nicht an den Narren,
Der lange schon in den Gedanken wohnt.

Die Füße baumeln in den kühlen Wellen
Des großen Stroms. Am andern Ufer blinkt
Ein Lichtermeer. Die Stadt der Spießgesellen,
Derweil das Dunkel lautlos auf mich sinkt.

Ein Käuzchen schreit. Ich habe nichts zu sagen.
Im Wasser treibt ein unbemannter Kahn.
Für Augenblicke kann ich alles tragen.
Sogar den Menschenmob in seinem Wahn.

Strandparty

3. August 2019 by author

Zu Schlagzeug und Gitarrenriffs versinkt
Am Horizont die Sonne in den Wellen.
Ich lehne an der Bar, ein jeder trinkt.
Im Wasser johlen braungebrannt Gazellen.

Mit Reaggy-Rhythmen, Rum und frischem Pot
Wird aufgetanzt vorm Schnäbeln wie die Tauben.
Dem Nachher, dem Entspannen dient ein shot.
Ich gleite ab. Ich hör die Stunden schnauben

Und wache auf, von fern her heult ein Köter
Zum Mond. Der Strand ringsum ist menschenleer.
Die Schuhe weg. Doch daran denk ich später.
Jetzt gibt es mich nur und das weite Meer.

Hundstage (FG)

26. Juli 2019 by author

Der Morgenmund geht auf es kommen Flüche
Die Sonne steigt und sticht wie Bajonette
Aus Kebab Sandwich purzeln Maden fette
Am Gehsteig wabbeln käsige Gerüche

Und mittags fängt das Pflaster an zu glühn
Freibäder sind verstopft mit braunen Backen
Touristen schwärmen aus wie Ledernacken
In Pissoirs steht knöcheltief Urin

Der Nachmittag serviert Ozonpasteten
Infarkte fahrn mit Rentnern Straßenbahn
Fremdhäuter betteln mit geflicktem Zahn
Im Park platzt Pubertäres aus den Nähten

Am Abernd lispeln Schwärme brauner Mücken
Gastgärtner zapfen Kunden manuell
Die letzten Schwimmer trocknen ihr Gestell
Am Himmel geht der Mond auf Freierskrücken

Komm, laß uns träumen *

20. Juli 2019 by author

Bei Sonnenaufgang im taufeuchten Gras:
Einen Kranz Margeriten möchte ich
Dir flechten ins bernsteinfarbene Haar.

Auf Haselflöten spielt der Wind,
Aus dem Süden kommend. Bunte Spechte
Trommeln auf Buchen den Takt für uns.

Komm, reich mir die Hand. Komm, tanzen wir
Zwischen Himmel und Erde. Fast schwerelos
Wirbeln wir aus dem Schatten der Zeit.

Dein bernsteinfarbenes Haar im Wind;
Deine Augen sind Monde im nächtlichen Teich;
Deine Lippen, so zart und weich wie Schnee,
Und doch beim Küssen wie Flammen so heiß.

Komm, lass uns rasten am Waldesrand,
Auf dem kühlen Laub der Seligkeit,
Und träumen die Welt ohne Horizont.

*für Gerda

Juni 2019 (S)

11. Juli 2019 by author

Im Efeu hausen fette China-Wanzen,
In jedem Zustand, Eier, Nymphen, Stinker.
Vom Fenster gegenüber glotzt der Trinker
Auf Mücken, die um seine Fratze tanzen.

Die Hitze treibt Gewürm aus allen Poren
Und auch die Worte stinken schon im Mund.
Wer weiß, ist es ein Tag, ist es ein Hund?
Am Bildschirm ist, wie immer, nichts verloren.

Der Sommer kommt anscheinend in die Jahre.
Aus seinem Hintern wachsen spitze Zähne
Und beißen knirschend in die Arschfanfare.

Ein Dummkopf macht ganz eifrig neue Pläne,
Indes die Wälder brennen. Und wir blicken
In keine Zukunft, denn die Bomben ticken.

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