Versfabrik

Vers oder nicht Vers, das ist hier die Frage…

Maifarben *

2. Juni 2020 by author

Das Blau des Himmels hat sich an manch Dach gelehnt,
Das ziegelrot hervorlugt aus dem dichten Grün
Der Hecken, Bäume, das sich um die Hütten dehnt,
Und Gras, in dem so viele kleine Sonnen blühn,
Als wärs ein Sternenfeld durchs Teleskop geschaut;
Ein Amsellied zieht Wellen in der Morgenstille,
In deren Atem ein Gedanke wolkig taut
Sich klärt und Form gewinnt im Schatten der Pupille.

* für Gerda

Draußen (T)

24. Mai 2020 by author

Der Himmel entfacht:
Myriaden von Sternen
Und fern von der Stadt
Lieg ich im taufeuchten Gras
Allein mit meinen Träumen.

Brücken und Kronen (FG)

16. Mai 2020 by author

Das Herz verrutscht beim Peitschen der Systolen
Im Magen kreiselt Furcht und rennt und rennt
Am Gaumen Schotter der wie Schwefel brennt
Am Boden Schmelzgesindel Fleischfisolen

Aus allen Poren züngeln weiße Schlangen
Mit Spritzen wird der Nervenschmerz kastriert
Und Wattewürmer zucken blutverschmiert
Geschwollen wie Balladen glühn die Wangen

Die Bohrtiraden tunneln Beißkarpaten
Am Wackelthron hockt strahlend Amalgam
Heulbojen ankern tief im Faulodram
Speimotten fliehn aus Rachenreservaten

Am Boden Schmelzgesindel Fleischfisolen
In engen Höschen wandeln Zopfnomaden
Auf Hängebrücken Porzellanparaden
Gekrönte Häupter grinsen gleich Kreolen

Winterwende

6. Mai 2020 by author

Gestern war die Nacht
Noch kalt wie blaue
Finger im Frierfach
Mit dicken Mänteln
Und Atemstangen
So hell als wären
Die Münder Lampen
Krochen die Stunden
Auf salziger Spur
Heut aber sprießen
Schon Knospen heißt es
Und Pollen tanzen
Keuchend im Wind wenn
Bäume und Büsche
Sich neu kleiden und
Menschen vorm Spiegel
Das Gesicht bügeln
Samt Afterfrisur
Und Sonnenbrillen
Tragen Luftballons
Werden Kondome
Im Stehen härter
Geblasen bis die
Spucke zu kochen
Beginnt der Frühling

Märzgeflüster (H)

27. April 2020 by author

Eichkätzchen fliegen
Von Ast zu Ast im Südwind
Öffnen sich Blüten

Und hier als Tanka

Eichkätzchen fliegen
Von Ast zu Ast im Südwind
Blühn Magnolien
Die Sonne lächelt im Takt
Der Herzen atmet die Zeit

Orchidee und Kolibri *

18. April 2020 by author

Weiß wie der Schnee auf
Den zum Himmel ragenden
Gipfeln der Anden

Sind deine Blüten
Blätter im dunkeltiefen
Amazonaswald

Wo in den Bäumen
Noch Regengeister hausen
Seit frühester Zeit

Und gut verborgen
Von dichten Nebelschleiern
Die Trommeln schlagen

Wenn sich dein zarter
Leib leuchtend öffnet trinke
Ich deinen Nektar

Mit langem Schnabel
Den seelensüßen Trunk aus
Tanzenden Kelchen

Bis die Minuten
In allen Farben des Lichts
Mit uns verschmelzen

* für Gerda

Kleines Liebeslied II *

9. April 2020 by author

Will schminken dem Tag
Die Lippen so rot. Für dich,
Mein Engel, für dich.

Laß Worte fliegen
Wie Blüten im Wind. Zu dir,
Mein Engel, zu dir.

Und Träume netzen
Die Schläfen der Nacht. Für dich,
Mein Engel, für dich.

Will streuen die Saat
Und ernten die Frucht. Mit dir,
Mein Engel, mit dir.

* für Gerda

Sprachlos (T)

31. März 2020 by author

Zwischen den Wörtern
Klebt roter Speichel manchmal
Träumen die Tage
Vom Frühling aber öfter
Ist der Mund trocken wie Laub

Weltuntergang

21. März 2020 by author

Schon beginnt der Tag
Ranzig zu werden
Die Sonne ertrinkt
Im nahtlosen Meer
Dämmernder Dächer
Während im Keller
Das Licht der Kerzen
Die Schatten tanzen
Läßt am Tisch sitzen
Wir den Bauch voll Furcht
Und grau das Gesicht
Aus einem alten
Schuh Whiskey trinkend
Reihum im Kreis und
Flüsternd wartend ob
Draußen die Nacht sich
Entlädt zum Gefecht

Stehen und Greifen

10. März 2020 by author

Was ich jetzt brauche - auf die Schnelle - ist ein Lied,
Ganz streng gepaart im Reim, was immer auch geschieht.
Ob nun am Handgelenk die Zeiger tick tack wabern,
Ob kleine Kinder quieken, alte Männer sabern,
Egal, der Alltag treibt, und ich muss shoppen gehen,
Sonst steigt mein Fräulen mir am Abend auf die Zehen.
Ich geb´es zu, ich bin alter, fauler Sack
Und treib nur selten noch ´nen kleinen Schabernack.
Doch unterwegs im Freien treff´ich kaum noch Leute.
Nur Mensch-o-maten, fremd gesteuert ist das Heute,
Von kleinen Dingern, die ein jeder in der Hand
Und blöde darauf glotzend mit sich trägt. Verstand
Ist im Exil, was soll´s, solang die kleinen Dinger
Nicht offline sind, so liebt ein jeder diesen Zwinger
Mehr als das Leben, wie es immer öfter scheint.
Ich mach jetzt Schluss mit diesen Versen, denn der Feind
Hat eine Lache, häßlich und auch schallend laut.
Die dringt durch alle Poren und verätzt die Haut.

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