Versfabrik

Vers oder nicht Vers, das ist hier die Frage…

Hülsenfrüchte *

13. Oktober 2021 by author

Am Morgen, wenn wir in den Spiegel blicken,
Und statt uns selbst nur Hülsenfrüchte sehen,
Darauf erschreckt den Kopf zur Seite drehen,
Wobei die Ohren schwelln vom Weckerläuten.

Minuten sind es, die uns niederdrücken,
Weil saure Winde die Gedärme blähen,
Am Morgen, wenn wir in den Spiegel blicken,
Und statt uns selbst nur Hülsenfrüchte sehen.

Wie soll der Tag, wie soll das Leben glücken,
Wenn wir den Sinn der Hülsen nicht verstehen,
Und die Gedanken sind voll großer Krähen,
Die aus uns Hülsen rasch die Früchte picken,
Am Morgen, wenn wir in den Spiegel blicken,
Und statt uns selbst nur Hülsenfrüchte sehen.

* für Gerda

Umkehren *

1. Oktober 2021 by author

Du folgst nicht länger mehr den Karawanen,
Hast Halt gemacht an dieser Station,
Kehrst nun zurück, wirst wieder Skorpion,
Von Hunden wild bekläfft und Blödianen.

Auf hohen Stangen knistern gelbe Fahnen,
Und Menschenmassen stürzen vom Balkon.
Du folgst nicht länger mehr den Karawanen,
Hast Halt gemacht an dieser Station.

Hast Halt gemacht am Lager der Schamanen,
Um zu erfahren deren Vision.
Im weiten Bogen fliegt dein Telefon
Und landet zwischen fauligen Bananen.
Du folgst nicht länger mehr den Karawanen.

*für Gerda

Der ganze Scheißdreck

24. September 2021 by author

Der ganze Scheißdreck, der uns attackiert,
Von allen Seiten, voll totalitär
Uns die Gedanken züchtigt mehr und mehr,
Der freie Markt, der uns als Sklaven führt,

Das Müllgebirge, das die Welt möbliert,
Die Medien, obszön und populär
Der ganze Scheißdreck, der uns attackiert,
Von allen Seiten, voll totalitär,

Das Kapital, das kotend kopuliert,
Der Atem, der bestrichen wird mit Teer,
Der Alltag, der das Gehen macht so schwer,
Die Zukunft, die schon heute explodiert,
Der ganze Scheißdreck, der uns attackiert,
Von allen Seiten, voll totalitär.

*für Gerda

Zwischen Tag und Nacht *

14. September 2021 by author

In grauen Stiefeln steigt der Morgen nieder,
Ins Schlafgesicht mit schrillem Weckerläuten.
Sind die Minuten aufgezäumt zum Reiten?
Schnell rein ins stinkend enge Alltagsmieder.

Im Traumgebüsch blüht rot und schwarz der Flieder,
Indes Matrosen Kapitäne häuten.
In grauen Stiefeln steigt der Morgen nieder,
Ins Schlafgesicht mit schrillem Weckerläuten.

Laternen tätowiern das Nachtgefieder.
In ihren Löchern lauern Therapeuten.
Zum Abgrund türmen sich die neuen Zeiten.
Im Kühlregal ruhn amputierte Glieder.
In grauen Stiefeln steigt der Morgen nieder,
Ins Schlafgesicht mit schrillem Weckerläuten.

*für Gerda

Schöne Aussichten *

25. August 2021 by author

Die Welt geht aus dem Leim und wir,
Wir glotzen blöd mit aufgesperrtem Mund.
Vorm Fenster winselt ein defekter Hund.
Im Keller spielt ein Automat Klavier.

Senioren betteln sprachlos an der Tür.
Der Fortschritt leidet an Gedächtnisschwund.
Die Welt geht aus dem Leim und wir,
Wir glotzen blöd mit aufgesperrtem Mund.

Im Spiegel haust ein blinder Passagier.
Prothesen tragen die Gedanken und
Kausale Netze brennen ohne Grund.
Die Städte wuchern wie ein Darmgeschwür.
Die Welt geht aus dem Leim und wir,
Wir glotzen blöd mit aufgesperrtem Mund.

*für Gerda

Rien ne va plus *

8. August 2021 by author

Wenn auf den Straßen alles stopft und steht,
Und Hausfassaden stiern wie Idioten,
Wenn per Gesetz die Wahrheit wird verboten,
Der Bauch der Zeit sich stark und stärker bläht,

Ein Wind das Laub von den Gedanken weht,
In Gummizellen landen noch Piloten,
Wenn auf den Straßen alles stopft und steht,
Und Hausfassaden stiern wie Idioten.

Die Rettung kommt und kommt doch nur zu spät,
Im Keller singen schön geschminkt die Toten,
Mit Hufen herrisch stampfend oder Pfoten,
Im Spiegel wird das schwarze Loch vernäht,
Wenn auf den Straßen alles stopft und steht,
Und Hausfassaden stiern wie Idioten.

für Gerda

Aus meinem Tagebuch *

25. Juli 2021 by author

Es dämmert schon, das Licht zeigt erste Lücken.
Im Astwerk sitzt der Wind, knirscht mit den Zähnen.
Sein Echo frißt sich tief in meine Venen,
Und lässt die Augen in die Leere blicken.

Zwei Stunden später: Auf dem Sofa liegen
Mein Ich und du, ein Film läuft an der Wand:
Hawaii, die Blumenmädchen, Palmenstrand.
Die Zigarette fällt, Gedanken fliegen.

Die Sterne über mir, ich hör sie singen.
Auch die Matrosen lauschen still an Deck.
Die Zeit zerfließt, als hätte sie ein Leck.
Darin, geschwärzt, das Herz von allen Dingen.

* für Gerda

Stadtpark

1. Juli 2021 by author

Mit gierigem Maul
Verschlingt die Sonne
Das Wolkengezücht
Ein dünner Faden
Rauch verliert sich
Im Astwerk zwischen
Bleichen Platanen
Ruft die Parkbank hier
Kommt der Wein und geht
Im Kreis von Mund zu
Mund das Lied vom Glück
Im Schatten gepresst
Auf nacktes Papier
Liegen die Wörter
Rücklings im Rasen
Die Beine hilflos
Zappelnd im Aufwind
Derweil den Stunden
Die Bäuche platzen

Ballade vom kurzen Leben

27. Mai 2021 by author

Ins blinde Auge
Einer zu engen Welt
Gepresst voll Schmerz
Auf öffentlicher
Toilette von der
Mutter genabelt
Und mit Lippenstift
Den Namen Jesus
Auf die Brust gemalt
Hernach abgelegt
Im Müllcontainer
Vorm Hauptbahnhof
Von Bettlern entdeckt
Durch schwaches Wimmern
Ins Spital gebracht
Und dort verstorben
Nach ein paar Tagen
Verscharrt irgendwo
Oder konserviert
Im Spiritusglas

* Neufassung des Gedichts “Jesus” vom 13.1.10

Alptraum (T)

12. Mai 2021 by author

Aus bösen Träumen
Hochgeschreckt in dunkler Nacht
Die Angst als Schlinge
Eng um den Hals gezogen
Spür ich die Hand des Teufels

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