Versfabrik

Vers oder nicht Vers, das ist hier die Frage…

Wahn (TS)

3. Juli 2019 by author

Aus Träumen hochgeschreckt, im Bad, vorm Spiegel,
Aus dem ein Alligator mürrisch blickt,
In meine Augen, bis der Schädel tickt
Wie eine Bombe. Hätte ich doch Flügel

Für all die Tage, Wochen, für das Leben.
Um aufzusteigen aus dem Sumpf der Leute
Und wegzubiegen vor dem hier und heute,
Statt durch den Dreck zu schlingern und zu kleben.

Ich habe das so tun als ob echt satt,
Die Ego-Filmerei, das Daseinsspiel,
Die betonierte Wüste namens Stadt.

Ich fürchte schwarze Bärte unter Steinen.
Ein Sichelmond verstopft das Hauptventil.
Und dicke Hunde landen auf acht Beinen.

Am Ufer des Mississippi (Ts)

24. Juni 2019 by author

Mit Sand hab ich dem Mond das Maul geschrubbt.
Jetzt kannst du seine Stirn mit Ruß bemalen.
Dann rollen wir im Wolkenbett, dem fahlen,
Und paaren uns, die Leiber dicht beschuppt.

An Sträuchern hängen Engel mit Trompeten.
Sie spielen eine Sternenmelodie.
Die Nacht sinkt angeschlagen in die Knie
Vorm Horizont, denn der muß stark erröten.

Wir wollen durch den Mississippi schwimmen,
Am andern Ufer Irokesen lecken,
Bis Skorpione ihre Schwänze krümmen,

Und wir uns hinterm Mammutbaum verstecken.
Ein Finger wächst aus deinem linken Ohr.
Die Stunde bricht. Ich klopf ans nächste Tor.

Schau der volle Mond (H)

18. Juni 2019 by author

Schau der volle Mond
Treibt hilflos auf seiner Bahn
Laß ihn uns befrein

Sonne, Mond und Wellen *

12. Juni 2019 by author

Komm, lass uns doch für eine Weile plauschen,
Gleich hier, nur du und ich, von Mund zu Mund.
Hörst du die Wellen in den Ohren rauschen
Bei all dem Schweigen ringsum ohne Grund.

Siehst du am Horizont die Dromedare
Nach Norden ziehn, zu einem kühlen Ort.
Dort meißeln Männer das Gesicht der Jahre,
Und tausend Zäune trägt ein einzig Wort.

Wir wollen lieber in den Dünen bleiben,
Am Meer, und wenn die Sonne untergeht,
Beginnen wir im Dunklen fortzutreiben,
Indes ein voller Mond am Himmel steht.

* für Gerda

Status

2. Juni 2019 by author

Die Jahre, die vergangen sind,
Die hatten spitze Zähne.
Heut bin ich beinah taub und blind,
Es gibt auch keine Pläne

Für jenen Sumpf, der vor mir liegt,
Für aufgedrehte Münder.
Ich seh das Leben, wie es flieht.
Ich seh die stumpfen Kinder.

Ich drehe mich herum im Kreis,
Ich kann die Krankheit riechen.
Ich spüre es noch mehr, ich weiß
Wer leben will, muss kriechen.

Mohn (T)

30. Mai 2019 by author

In meinen Schläfen
Wurzelt der Mond der volle
Doch an den  Lippen
Friert der Tau zu spitzem Eis
Und bohrt sich tief in das Herz

Marktschluß (FG)

22. Mai 2019 by author

Die Käufer fließen ringsab in die Gassen
Die Bettler schimmeln um die Marktkapelle
Dahinter öffnen schmierige Bordelle
Die Tauben landen auf den Schlafterassen

Die Arbeitszeit verflacht im Ausgedinge
Rolläden rasseln nieder aus Metall
Am Horizont ertrinkt ein roter Ball
Taglöhner tragen dunkle Augenringe

Motoren fangen zornig an zu brüllen
Container schlucken gierig Müll und Früchte
Der Wind verbreitet staubige Gerüchte
Zu Haus erzeugt der Alkohol Idyllen

Die Hütten bleiben leergeräumt zurück
Laternen uriniern auf den Asphalt
Der Mond klebt zwischen Wolken krumm und kalt
Die Abfallsammler haben heut kein Glück

Die rote Fahne

15. Mai 2019 by author

Steine knirschen höhnisch unter meinen Füßen,
Doch dann schluckt ein dichter Nebel jeden Laut,
Während die Gedanken stets nach Süden fließen,
Warten Krokodile, bis der Morgen taut,

In den seichten Ufersümpfen, ihre Blicke
Zielen auf mich durch das graue Dämmerlicht.
Doch es ist der Tag, sein Antlitz spiegelt Tücke,
Der das ferne Echo an den Schläfen bricht.

Träume enden nicht, sie laufen schneller,
Da ein dünner Mond in schwarzen Flammen steht,
Und im Osten steigt der Morgen heller
Mit dem Wind, in dem die rote Fahne weht.

Datura

6. Mai 2019 by author

Durch dunkle Gassen
Rollt ein dicker Mond und singt
Vergessene Lieder

Vom Strauch der Götter
Mit violetten Blüten
Die wie Trompeten

Sich öffnen zum Licht
Voll mit Stacheln ist das Kleid
Der grünen Früchte

An den Wänden im
Tempel hängen Tierköpfe
Und sprechen mit mir

Über den Torso
Einer verwunschenen Welt
Wo alles nackt ist

Bevor ein Nebel
Auf meine Gedanken fällt
Und der Mond aufbricht

Wie eine reife
Melone in zwei Hälften
Mit schrillem Gewürm

Dunkle Früchte

28. April 2019 by author

Was für ein Traum: Die Hausfassaden rot lackiert
Ringsum, die Straßen braun, der Himmel schwarz wie Kohlen,
Ein blauer Mond, der zitternd meinen Hals berührt,
Und aus den Fenstern schießen Leute mit Pistolen
Auf dicke Hunde, die von den Laternen hängen,
Am Horizont ein Schiff voll finsterer Korsaren,
Die sich in Eisenstiefeln auf den Planken drängen,
Mit Bärten bis zum Bauch und grün verfilzten Haaren,
Die Kinder kommen heim am Kopf mit Drahtgestellen,
Weil ihre Eltern im Zickzack und rückwärts rennen,
Dazwischen schlängeln sich Minuten wie Forellen
Im Strom der Zeit, wo die Gedanken heller brennen.

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