Gefangen*

November 20th, 2008

Leute trinken Bier in Schenken,
Trinken lärmend Stund um Stund,
Bis sich gelbe Nebel senken,
Die Gedanken sich verrenken,
Was ist eckig und was rund.

Vor dem Strich noch einen Klaren
Und dann torkelnd Richtung heim,
Mit dem Auto Schleifen fahren,
Staub und Schweiß von toten Jahren
Kleben an mir zäh wie Schleim.

Kann nicht eure Sprache teilen,
Nicht das Maß und nicht die Zeit.
Stecke zwischen spitzen Keilen,
Im Gewind von Drähten, Seilen
Alles Nahe scheint so weit.

Bin in meiner Haut gefangen
Und die ist mir viel zu eng.
Trotz der Trauer auf den Wangen
Mündet jeglich Unterfangen
In der Kluft von aber - wenn.

Einmal mich im andern finden
Und das andere in mir:
Wie des Baumes morsche Rinde
Fiele Haut. Und mit den Winden
Wandle ich mich rück zum Tier.

Leute taumeln durch ihr Leben,
Ohren taub, die Augen blind,
Hände zittern, Lippen beben,
Und zu Hause weint ein Kind.

*aus d. Vorzeit der Versfabrik, geschrieben 1994

Der Dichter *

November 18th, 2008

Ich reime Verse, Strophen zum Gedicht,
Das heißt, ich bin auch Maler, Musikant,
Bin höflich meistens, manchmal provokant,
Vor allem hab ´ ich Augen im Gesicht,

Die schaun ins Dunkel und sie schaun ins Licht,
Und was sie sehen, bleibt nicht ungenannt.
Ich reime Verse, Strophen zum Gedicht,
Das heißt, ich bin auch Maler, Musikant.

Solang der Bube noch den König sticht,
Bleib ich den Eierköpfen unbekannt,
Doch nur wer schwimmt, gewinnt schlußendlich Land,
Und alles andere ist bloß Gerücht.
Ich reime Verse, Strophen zum Gedicht,
Das heißt, ich bin auch Maler, Musikant.
* für Gerda

Der Mann mit dem Bohrer *

November 17th, 2008

Der Mann, der morgens mit der Bohrmaschine
Den Leuten Löcher in die Köpfe macht,
Und manchmal kommt er auch im Traum zur Nacht,
Ist ein Produkt aus der Humanlatrine.

Längst taub vom Lärm, mit öliger Routine
Geht er ans Werk, als ging´s zur letzten Schlacht,
Der Mann, der morgens mit der Bohrmaschine
Den Leuten Löcher in die Köpfe macht.

Er bohrt und bohrt mit irr verzerrter Miene,
Mit Stoppel im Gesäß und Klempner-Tracht,
Sodaß das Fundament der Erde kracht,
Wie eine ausgehöhlte Konkubine.
Der Mann, der morgens mit der Bohrmaschine
Den Leuten Löcher in die Köpfe macht.

*für Gerda

Im Traum*

November 11th, 2008

Im Traum auf weiten Wiesen Blumen pflücken,
Zu einem Kranz sie flechten für dein Haupt,
Wild duftend, daß es dir die Sinne raubt,
Wenn alle Gräser tanzen voll Entzücken.

Natur in jede Richtung, die wir blicken,
So unberührt, daß es kein Mensch mehr glaubt.
Im Traum auf weiten Wiesen Blumen pflücken,
Zu einem Kranz sie flechten für dein Haupt.

Und rasten, wo die Amseln uns beglücken,
Am Waldrand, unter Bäumen dicht belaubt.
Fern liegt die Stadt, voll Wahnsinn und verstaubt,
Mit Menschen, die wie Automaten ticken.
Im Traum auf weiten Wiesen Blumen pflücken,
Zu einem Kranz sie flechten für dein Haupt.

*für Gerda

Medien und Markt

November 11th, 2008

Ob bewußt oder unbewußt, die Sprache, genauer die Wortwahl entlarvt die Diener und ihre Herren. Denn ganz gleich welcherart die Medien auch sind, ob TV, Rundfunk, Bürgerblätter oder Boulevard: Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter rausschmeißen, und das in Massen, dann wird vom “Freisetzen” oder “Freistellen” der “Arbeitskräfte”, nicht der Arbeiter, geschrieben und gefaselt, pardon, gesprochen, so ist die Wortwahl in den Medien, fabriziert von deren Lohn-bzw. Knechtschreibern, den Journalisten. In diesem Umfeld der eierköpfigen Unintelligenz klingt ja Personalabbau beinahe schon kritisch. Die Vernebelung der Tatsachen mittels Sprache, die Verniedlichung unangenehmer Wahrheiten durch Verwendung unangebrachter Begriffe, so lange, bis sie im kollektiven Bewußtsein der Masse fest verankert sind, dadurch erfüllen die Journalisten bewußt, nicht selten unbewußt, ihre von ihnen erwünschten, ja, geforderten Handlangerdienste.
Daß die Propaganda-Abteilungen der Unternehmer und Wirtschaftsbosse, die Medien nämlich, diese Funktion nicht nur freiwillig übernehmen, daß sie sich richtiggehend an den Hals der “Wirtschaftseliten” schmeißen, liegt nicht in dem Umstand begründet, daß diese sie finanzieren, denn das tun die Konsumenten der Medien nicht minder - aber was wiegt der Konsument, solange er nur brav konsumiert und dabei das Hirn ausgeschaltet läßt - es liegt vielmehr im menschlichen Charakter begründet, der sich nach einem Jahrhundert kapitalistischer Konditionierung in eine moralische Kloake verwandelt hat.
Neid, Gier, Geiz und schrankenloser Egoismus gelten heute als Tugenden, werden beworben und beweihräuchert; wohingegen jegliche soziale Ausprägung als Schwäche verhöhnt wird. Daran wird auch die gegenwärtige Krise des Systems nicht das Geringste ändern, im Gegenteil, die Staaten schaufeln mit Baggern Summen in den Schlund des Marktes, die zuvor nicht einmal denkmöglich waren. Und die Medien tun das, was sie die längste Zeit getan haben: Die Leute für blöd verkaufen, und die Leute lassen sich gern für blöd verkaufen, denn die Wahrheit ist ihnen zwar zumutbar, aber von ihnen selbst unerwünscht weil unbequem. Und das genügt, sie irgendwo unauffällig zu entsorgen.

Am Gürtel*

November 10th, 2008

Am Trottoir verkehren Leder-Huren,
Umkreist vom Freierpack in Limousinen,
Passanten stinken von Kanaltribünen,
Der Lärm schlägt in die zähe Luft Blessuren.

Die Hausfassaden tragen Staubfrisuren.
Der Horizont ist brüchig wie Ruinen.
Am Trottoir verkehren Leder-Huren,
Umkreist vom Freierpack in Limousinen.

Aus Fenstern glotzen blinde Kreaturen,
Hinab auf einen Strom von Blechsardinen.
Darüber bauchen gelbe Wolkendünen.
Laternen krümmen sich wie Zeitskulpturen.
Am Trottoir verkehren Leder-Huren,
Umkreist vom Freierpack in Limousinen.

*für Gerda

Die Prügelpolizisten*

November 2nd, 2008

Sie drücken deinen Kopf in Pisse-Eimer
Und malträtieren dich wie sonst wohl keiner.
Mit Stiefeln treten sie dir in den Magen
Und machen Witze über Schmerz und Klagen;
Sie brechen jeden Knochen dir im Leib
Und fabrizieren aus dem Mann ein Weib.

In Eisen fesseln sie die Hände auf den Rücken,
Um dein Gesicht dann in den Staub zu drücken.
Und liegst du ohne Gegenwehr im Kot,
Dann pendelt ihre Welt zurück ins Lot.
Sie reißen aus das Haar dir büschelweise,
Und wenn du stöhnst und wirst nicht leise,

Dann heißt es: Knüppel raus, der will noch mehr.
Aufs Maul damit, drescht ihm die Kiefer leer.
Sagt einer: Holt doch heißgekochte Fetzen.
Der Doktor meint, ihn nicht zu Tod verletzen.
Ach was, dem schneiden wir die Därme raus
Und stopfen sie für unsre Omis aus.

Zu Hause geben sie den braven Vater
Und haben sie vom Saufen einen Kater,
Dann schnappen sie sich schnellstens frische Beute,
Sie, der Gesellschaft legitime Meute.
Ihr ganzer Stolz ist ihre Uniform
Und in ihr ist ihr Handeln stets konform.

Sie hetzen dich erbarmungslos wie Vieh,
Und du entwischst ihnen schlußendlich nie.
Und siehst du einen Ausweg nur geblieben,
Dann rennst du wie verrückt hinauf die Stiegen,
Zum Fenster raus. Und Schluß im Schmutz der Gassen,
Dort kriegt dich keiner lebend mehr zu fassen.

*Das Gedicht stammt aus d. Vorzeit der versfabrik.at, es wurde 1989, also vor fast 20 Jahren verfaßt;

Der Staat trägt alle Schuld

Oktober 25th, 2008

Nachdem die Apostel des Marktes und die Verfechter seiner “Freiheit” für eine mehrere Monate dauernde Schrecksekunde den Mund hielten, derweil dessen mächtigste Säulen und Türme wie Kartenhäuser einstürzten, so haben sie jetzt, da die Staaten mit unvorstellbaren Summen den völligen Kolaps verhindert haben, den Schuldigen an der Krise identifiziert, nämlich “den Staat” (welchen eigentlich?).
Der Staat habe seine Aufgaben als Kontrollor nicht wahrgenommen, er habe zu stark privatisiert (Rating-Agenturen) und dereguliert (den Finanzmarkt). Höre ich richtig? Das sind genau die Punkte, die die selben Leute in den 90er Jahren “dem Staat” vorwarfen, daß er sich zu sehr in den Markt einmische (kontrolliere), zu wenig privatisiere und dereguliere. Nun, die Regierungen der USA haben genau diese Forderungen in den letzten Jahrzehnten verwirklicht, um den Markt zu “befreien”, also total zu liberalisieren. Und genau das wird jetzt dem Staat mit umgekehrten Vorzeichen vorgeworfen.
Solch Doppelzüngigkeit kann nur heißen, daß die Apologeten des “Freien Marktes” die Menschen für dumm verkaufen wollen oder selbst an Gedächtnisverlust leiden. Und außerdem, trüge der Staat tatsächlich Schuld an der gegenwärtigen Krise, dann -wie gesagt - deshalb, weil er dem “Markt blindlings vertraut hat und dieses Vertrauen sich jetzt als katastrophaler Fehler herausstellt, den die Allgemeinheit, also alle Steuerzahler, teuer bezahlen muß.

In dieser Krise

Oktober 20th, 2008

Du hast kein Scheißhaus auf vier Rädern,
Hast keine ferngeheizten Unterhosen,
Kein chip-gestütztes Lenksystem für Krücken?
Du hast nicht dieses und nicht das gekauft?
Den ganzen Plunder eben, den kein Mensch
Verwenden kann für irgendwas, obwohl
Ein jeder sich beeilt, ihn schneller zu besitzen
Als all die anderen, die Gleiches tun. Jedoch
Was ist nun mit den Aktien, den vielen,
Die keinen Cent mehr wert sind? Kaufen, ja!
Und nochmals kaufen, kaufen, jetzt! Vielleicht
Sind sie noch schneller Rauch, als jene, die
Wir vorher schon zu Stapeln aufgehäuft,
Bis sie, wer kann denn was dafür, so rasend schnell
Zu Asche wurden, Asche, die
Des Windes zornverzerrtes Maul
Uns in die rot gequollnen Augen bläst.
Du hast nicht dieses und nicht das gekauft,
Nicht heute und nicht gestern, auch nicht morgen
Kaufst du kein Scheißhaus auf vier Rädern mehr,
Kein Ticket für das Morgenrot
Auf den Bahamas oder so. Das heißt
In dieser Krise wohl, du bist bankrott,
Am Ende gar ein Fall für die
Justiz, denn wer nicht kauft, der wird verkauft
Und zahlt die Rechnung dafür selbst,
Doch nicht in Dollar, Franken oder Gold.

Der stürzende Gott

Oktober 15th, 2008

Der Freie Markt ist unser Gott,
Nun liegt er flach und sein Prophet
Hat sich versteckt, verkrochen und
Verharrt und schweigt in seinem Loch.
Doch weltweit warten sehnsuchtsvoll
Die Jünger zitternd auf ein Wort
Des Herrn, vergeblich, ja,vergeblich, denn
Der Meister schweigt und wartet ab,
Bis alle Staaten Gottes Thron
Erneuert haben und poliert,
Wofür all die Betrogenen
Wie Blut gezapft und ausgeraubt,
Verhökert werden. Narren sind
Wir allesamt und schlimmer noch,
Wir sind es gern, wir bleiben es.
Schon wird der Gott, er stinkt, geschwind
Frisch ausgestopft und ausstaffiert,
Auf den geschminkten Thron gehievt,
Sodaß das Alte wieder neu
Und mehr denn je zugrunde gehn
Und hoffentlich auch bleiben kann.