Distichon 3

Juni 10th, 2009

Glaubst du vielleicht, du bist besser, bist schöner und größer als andre?
Schau in den Spiegel und sieh: Häßlich und dumm und ein Zwerg.

Distichon 4

Juni 4th, 2009

Schau ich ins Antlitz der Erde, im Spiegel das Heute betrachtend,
Dann wird mir schmerzlich bewußt: Andere zahlen die Schuld.

Warten

Juni 3rd, 2009

Sitzen und warten im stickigen Zimmer,
Zeit tropft langsam, Zeit läuft sich leer,
Durch Wände sickert der Schmerz als Gewimmer,
Regen fällt nieder und fällt so schwer.

Liegen und warten in frostigen Betten,
Warten und Hoffen auf Besserung,
Hoffen und Glauben sind Lügensketten,
Leben als Warten macht Leben zu Dung.

Stehen und Warten an feindlicher Pforte,
Gnädig ist keiner, Hohn heißt die Pflicht,
Als Schlüssel taugen nur selten die Worte,
Und auch Erwartung erfüllt sich nicht.

Gehen und Warten auf staubigen Wegen,
Schwielen am Fuß, doch kein Ziel ist zu sehn,
Blätter im Winde und wieder Regen,
Warten und Warten und kein Verstehn.

O dies endlose Harren
Auf etwas, das niemals erscheint,
Bis der Spiegel bricht durch das Starren,
Und keiner mehr wartet und weint.

für Gerda
PS: Aus d. Vorzeit d. versfabrik.at

20jährige Greise

Juni 1st, 2009

Als ich im Kindesalter erfuhr, daß die Menschen in der Jungsteinzeit höchstens 20 Jahre alt wurden, tat sich meine Phantasie, der sonst keine Grenzen gesetzt waren, schwer damit, sich 20jährige Greise vorzustellen, alt und aufgebraucht, den nahen Tod schon in den müden Augen.
Als ich in der Schule mit Statistik konfrontiert wurde, hellte sich die Sache schnell auf. Dies war nur ein statistischer Wert, der deshalb so niedrig war, weil 70% der Neugeborenen das dritte Lebensjahr nicht erreichten. Alte Menschen waren auch in der Jungsteinzeit alt, aber selten anzutreffen.
Seitdem sind viele Jahre die Donau flußabwärts geflossen, aber bis heute kann ich immer wieder in Zeitschriften, ja sogar in Büchern lesen, daß die Menschen in der Jungsteinzeit 20 Jahre, im Mittelalter 30 Jahre alt wurden usw. Und ob ihr es glaubt oder nicht - viele Artikelschreiber wie Leser glauben, daß die Leute mit 30 Jahren “uralt” waren, verwechseln also einen statistischen Mittelwert mit der wirklichen Lebensdauer.
Wie ist soetwas möglich? Daß die Statistik v.a. der Manipulation dient, habe ich an anderer Stelle ausgeführt; hier ist allerdings noch ein anderer Mechanismus am Werk, der darin besteht, “Information” unreflektiert zu tanken, zu speichern und wieder von sich zu geben. Die Menschen denken zuwenig und plappern zuviel nach, nämlich das, was sie im Laufe des Lebens so aufschnappen. Das ein Gutteil davon schlicht Unfug ist, wird ihnen nicht bewußt, weil ihr Bewußtsein nicht als solches funktioniert. Es ist keine (selbst)kritisch agierende Instanz, die jegliche Information verifiziert, bevor sie im Gedächtnis gespeichert wird - ein Gedächtnisfilter gewissermaßen - , nein ihr Bewußtsein ist…ich weiß es genaugenommen nicht, was die meisten Menschen stattdessen im Kopf haben. Vielleicht gar nichts. Aber das ist eine Spekulation.

Kurzballade

Mai 30th, 2009

Herr Karl ging nach USA,
Um rasch sein Glück zu finden.
Als alles war ganz anders da,
Begann er zu erblinden.
Schon schickte ihn ruck zuck der Staat
Zurück, wo einst entsproß die Saat.

Haiku (18-26)

Mai 29th, 2009

Pfingstrosen

Weiß und rot leuchten
Die Blüten, groß wie Köpfe,
Zart wie das Leben.

Wo die Amsel singt,
Glitzern die Träume wie Schnee,
Zwischen Nacht und Tag.

Die Sonne versinkt
Hinter den fernen Bergen.
Ringsum schweigt der Wald.

Vor meinem Fenster
Blühn rot die Kastanien
Und färben den Traum.

Amseln und Finken,
Stare besuchen den Baum.
Die Kirschen sind reif.

Ein Schwarm Krähen kreist
Kreischend in eisiger Luft.
Was ist nur geschehen.

Hebst du deinen Blick,
So siehst du keine Grenzen,
Nur des Himmels Blau.

Regen wäscht Schminke
Aus dem Gesicht und dunkelt
Den Schatten der Zeit.

Den Arsch ins Gesicht
Gedrückt, werden die Tage
Zu fauligem Obst.

Depression

Mai 28th, 2009

So elend wie ich heute bin,
So eingedrückt, so ausgebrannt,
Macht Existieren wenig Sinn,
Läuft alles nicht sehr amüsant.

So wie ich früher einmal war,
Mit Augenstern und heißem Blut,
In Sicherheit wie in Gefahr,
Ich handelte und es war gut.

So wie ich gern geworden wär,
So hat das Leben nicht gespielt.
Schwamm lang im großen Trübsalmeer,
Und Glück hat weit vorbeigezielt.

Wohin ich mich begeben werde,
Ein Gang auf blinder Abwärtsstiege.
Drei Meter tief in kalte Erde,
Wo ich bei Würmern stumm dann liege.

für Gerda

PS: Aus d. Vorzeit d. versfabrik.at, 1992

Der nette Nazi

Mai 25th, 2009

Ich bin der kleine, nette Nazi,
Den ihr so gern habt insgeheim.
Nach außen aber - wie gemein -
Beschimpft ihr mich als Noppenfazi.

Ich wohne tief in euren Herzen
Und fühle mich dort heimelig,
Wenn es im Stechschritt trommelt: Sieg,
Das Maul ganz faul von Adolf-Scherzen.

Bleibt mir vom Leib mit dem Gewissen.
Das taugt doch einzig für die Pfaffen.
Wir sind Germanen, keine Affen,
Die sich die Eichel selber küssen.

Auch ist es vielen nicht bewußt,
Daß sie mich in Gedanken tragen,
Wohin ich will, indes sie sagen,
Ich hätte wirklich große Lust…

Ich bin ein Nazi - der in euch,
Voll erblich, ja, ich bin das Gen,
Das deutsche und das ist sehr schön,
Wenn dereinst kommt das stramme Reich.

Doch lieber wär ich noch ein Hund,
Der zwischen und nicht in euch lebt,
Der, wenn er will, sein Beinchen hebt,
Der bellen kann mit eignem Mund.

Wieder in Wien

Mai 24th, 2009

Wieder zurück in der morschen Stadt,
An all den vertrauten Orten,
Wo mich die Hoffnung beschissen hat,
Halt ich mich fest an den Orten.

Die Füße laufen auf zähem Asphalt
Die gleichen sinnlosen Kreise.
Die Tage werden wie Fliegen schnell alt,
Und ständig steigen die Preise.

Wieder zurück im Menschenzoo,
Die Wohnung ein häßlicher Fleck,
Das ganze Haus ein Charackterklo
Mir ekelt vor all dem Dreck.

Was sind das für Gefühle,
Wo Herz nach Wärme sinnt,
In Staub und betonierter Kühle
Das Leben nur verrinnt.

Wieder zurück in Wien, dieser Welt,
Wo Neid würgt Herrn und Proleten,
Wo rot lackiert wird jedes Feld,
Wo Politiker fressen Pasteten.

Was sind das für Gefühle,
Wo Herz nach Wärme sinnt,
In Staub und betonierter Kühle
Das Leben nur verrinnt.

für Gerda

PS: Aus d. Vorzeit d. versfabrik.at, 1991

Rock und Roll

Mai 23rd, 2009

Guitarren krächzen
Und Mikros johlen,
Wenn wir mit 16
Euch rock- und rollen.