Archive for the ‘02 Verse’ Category

Die letzte Tram

Donnerstag, August 14th, 2008

Die letzte Straßenbahn ist abgefahren.
Die späten Zweifler dürfen sich genieren.
Ein Schließhund prüft die Schlösser an den Türen.
Ein Sportler spürt im Knie den Sand von Jahren.

Ein guter Bürger riecht rundum Gefahren.
Ein Passagier spuckt schleimig röchelnd Viren.
Ein Urologe zündelt an Papieren.
Die letzte Straßenbahn ist abgefahren.

Zu Hause wartet wer im trüben Licht.
Ein Rentner zuckt in seinem Bett verschwommen.
Am Bildschirm ist der Held total verkommen.
Im Spiegel wächst ein rußiges Gesicht.

Aus Wänden steigen Schatten, nicht die frommen.
Im Keller wird zum Spaß ein Balg erstickt.
Die Zeit steht kopf, doch irgendetwas tickt.
Der letzt Zug ist noch nicht angekommen.

Der Außenseiter

Mittwoch, August 13th, 2008

Kaum, daß ich ins Freie gehe,
Werd´ich blöde angestiert
Von den Leuten, aus der Nähe,
Gar mit Fernrohr scharf fixiert,
Ohne daß ich nur verstehe,
Was da eigentlich passiert.

Manche zeigen mit dem Finger,
Bilden um mich einen Kreis,
Und der Abstand wird geringer,
Während ich nicht einmal weiß,
Ob sie mich in einen Zwinger
Stecken möchten, das Geschmeiß.

Also dreh´ich meinen Rücken
Ihnen zu und mache schnell.
Laut hör´ich die Schläfen ticken
Und ein häßliches Gebell.
Hunde jagen ohne Krücken,
Aber noch trag´ich mein Fell.

Ich gedenke, es zu tragen
Morgen noch und nächstes Jahr.
Und ich hör´nicht auf zu fragen,
Was gelogen ist, was wahr.
Denn das ganze Unbehagen
Wächst nicht auf dem Trottoir.

Es gedeiht im Herz des Feigen,
Wenn wir uns im voraus bücken,
Daß uns andere besteigen,
Und wir freundlich dazu nicken.
Und im übrigen stets schweigen.

So soll unser Dasein glücken?

Ihr Mädels

Montag, August 11th, 2008

Ihr Mädels von der andern Seite,
Seid was ihr seid und kommt mal rüber.
Was kümmern uns denn all die Leute,
Die Glatzenträger, Vorhautschieber,
So wie der Rest der dumpfen Meute.
Das sind doch nichts als Schrumpfkaliber.

Ihr Mädels, öffnet Augen, Ohren:
Hier wird getanzt, Musik gemacht.
Hier bleibt nicht Zeit zum Nasenbohren.
Hier wird gefeiert Tag und Nacht.
Und die uns hindern, sollen schmoren,
Sie werden einfach weggelacht.

Ihr Mädels von der andern Seite,
Jetzt seid ihr endlich alle da,
Auf daß die Welt nur Kopf steht heute,
Der Teufel lispelt: Heureka,
So jung, so frisch, welch geile Bräute
Für einen Ritt et cetera.

Wir hatten Ideale

Samstag, August 9th, 2008

Wir hatten Ideale,
Ein Ziel, viel Energie
Und wollten das totale
Primat der Theorie.

Die Wende kam, sie kam nicht so,
Wie wir uns das so dachten.
Der Zeitgeist schlug mit rechts K.O.
Und ging sofort ans Schlachten.

Da drehten wir uns schnell im Wind
Und heulten mit den Hunden.
Ja, damals waren wir so blind,
Das will ich laut bekunden.

Heut lieben wir den Markt, das Geld,
Das Wachstum ohne Grenzen
Beschleunigt bis ans End`der Welt.
Auf das wir glänzen, glänzen.

Einfach so hingesagt

Freitag, August 8th, 2008

Sie haben mir die Haut vom Leib gezogen,
Hernach gevierteilt und zuletzt verbrannt.
Die Asche streuten sie vom Brückenbogen.
Ein Pfaffe hat die Seele noch verdammt.

Hoch in der Stratosphäre ziehn die Winde
Die Glut der Seele um die weite Welt,
Wo heute das Kommando haben Blinde,
Wo Kinder schlagen Alte tot für Geld.

Sie haben euch verkauft, verhöhnt, verraten.
Und was tut ihr, ihr sagt: Was solln wir machen?
Wie Schlachtvieh blökt ihr, echte Demokraten
Sperrn sich ins Scheißhaus, wo sie auch nicht lachen.

Da sitze ich

Mittwoch, August 6th, 2008

Da sitze ich in meinen engen Wänden
Ans Sein gefesselt und ich weiß nicht wie
Und nicht warum der Klang der Melodie
So dissonant sich färbt in meinen Händen.

Da sitze ich vor Pfaffen und Doktoren.
Sie trinken roten, trinken braunen Wein
Und können sich am Helfen noch erfreun,
Indes die Zündschnur brennt in meinen Ohren.

Ich trenne nicht in Gute und in Böse,
Und auch das Kranke oder das Gesunde
Sind bloß Konstrukt, am Saum der Wirklichkeit

Vorbeigedacht; die Sprache als Prothese.
Doch grausam bleibt das Gehen vor die Hunde,
Solang die Armut wächst und hilflos schreit.

Am Fenster sitzend

Dienstag, August 5th, 2008

Am Fenster sitzend streift mein Blick
Die Straßen hin, die Hausfassaden her,
Zum Himmel hoch, herab auf den Verkehr,
Und fällt dann wieder auf mich selbst zurück.

Zurück auf Schatten von verdammten Jahre,
Und auch zurück auf manche schönen Tage.
Doch taugen meine Verse nicht zur Klage.
Und außerdem hör´ich schon die Fanfare.

Der freie Markt spielt auf, er spielt allein.
Was einst ein Mensch war, ist nun Konsument.
Wer hat, der ist, wer ist, ist prominent.
Und alle leiden wir am Glücklichsein.

Rückblick

Sonntag, August 3rd, 2008

Als Kind, da hast du alle Zeit
Der Welt, doch später gehen Jahr um Jahr
Viel schneller, als es früher war;
Und manches tut uns dann auch leid
Und ist nicht mehr zu ändern.

Hampelmänner

Samstag, August 2nd, 2008

Hampelmänner da und dort,
Hampelmänner sind am Wort.

Will es wirklich keiner sehen,
Daß die Schreiber Wichte sind,
Daß die Künstler beinlos gehen,
Sänger taub und Maler blind,
Und die Blender auf der Bühne
Und am Steuer nur Betrüger,
Stürzt vom Gipfel die Lawine,
Bleiben Tote nur als Sieger.

Die Zeit ist reif

Samstag, August 2nd, 2008

Die Zeit ist reif, die Kunst ist faul,
Der Markt regiert, der Mensch sein Knecht
Und auch sein eigner Ackergaul.
Das findet unser Mensch gerecht
und manchmal sogar schön.