Archive for the ‘02 Verse’ Category

Zur Weihnachtszeit *

Mittwoch, November 26th, 2008

Und wieder einmal muß das Jahr verenden
Und wird im Schneegestöber neu geboren.
Wer in die Stube tritt, hat heiße Ohren.
Wer sie verläßt, trägt Schuhe an den Händen.

Mit roten Lettern steht auf schwarzen Wänden
Die Zahl, davor ein Mann fast steifgefroren.
Und wieder einmal muß das Jahr verenden
Und wird im Schneegestöber neu geboren.

Zur Weihnachtszeit, wenn Engel Botschaft senden,
Die lang durch Nacht und Nebel irrt verloren
Und hilflos wankt vor den versperrten Toren,
Dahinter Menschen sich zum Essen wenden.
Und wieder einmal muß das Jahr verenden
Und wird im Schneegestöber neu geboren.

* für Gerda

Melancholie

Montag, November 24th, 2008

Der Regen prasselt auf die Fensterscheiben,
Verwandelt Straßen rasch in braune Flüsse.
Im Stiegenhaus riecht es nach Katzenpisse,
Im Keller will sich wer mit Strick entleiben.

Die Schwermut hält mich fest in ihren Klauen
Und drückt mich langsam auf den Boden nieder.
Was ich auch sehe, ist mir so zuwider,
Und in der Dunkelheit kommt dann das Grauen:

Vor dir, vor mir, vor gestern, morgen, heute,
Wenn schlaflos ich zur Decke starre und
Die Panik kennt nicht Horizont noch Grund,
Bis endlich Träume holen mich als Beute.

Wie eine Lerchenfeder im Orkan,
Verweht ins endlos weite Nirgendwo.
Dort steigt aus seinem Grab der Pharao
Und spendet toten Beifall meinem Wahn.

Getrübter Ausblick

Montag, November 24th, 2008

Mir scheint, mit jedem Tag, der neu beginnt,
Läßt eines immer schärfer sich erkennen,
Daß nämlich alle Menschen schneller rennen,
Und dabei dennoch einer nur gewinnt.

Mir scheint, mit jedem Tag, der schon vergangen,
Wird eines immer stärker mir bewußt
Und mehrt den ohnehin schon großen Frust,
Daß wir allein zum Schlechteren gelangen.

Und schaue ich nach vorne und zurück,
Dann wünsche ich mich ohne Zögern weit
Und maßlos fern in die Vergangenheit,
Denn keine Zukunft offenbart der Blick

Dem Individuum, wie es einst war,
Und allen Einzelwesen der Natur,
Stattdessen eine Kreatur,
Fürs Netz geeicht, als Standardexemplar.

Da Wünschen keinem noch geholfen hat,
Verweile ich am liebsten noch in Träumen,
Dort treibend mit dem Wind in alten Bäumen
Und unter Sternen, fern von jeder Stadt.

Denn Leben heißt, wie schon gesagt, Verlieren,
Und jeder, der gewinnt, ist bloß ein Dieb.
Und nur noch Leere bleibt uns noch zu spüren,
Und die ist überall und immer trüb.

Der Freak *

Sonntag, November 23rd, 2008

Ich bin ein Freak, ein echter Freak bin ich,
Bin Schizo, Narr und Neger in Person,
Hab einen Kopf, so rund wie ein Ballon,
Darin Gedanken, doch nicht bürgerlich.

Die blöde Glotzerei, was kümmert`s mich,
Wenn ich die Nacht durchflieg auf wildem Mohn.
Ich bin ein Freak, ein echter Freak bin ich,
Bin Schizo, Narr und Neger in Person.

Ihr seid die Masse ohne Punkt und Strich.
Ihr seid die Norm, die Null, die Nation,
Der Menschenmüll, der sich für Hurenlohn
Verkauft. Ihr seid ganz einfach widerlich.
Ich bin ein Freak, ein echter Freak bin ich,
Bin Schizo, Narr und Neger in Person.

* für Gerda

Herbsttag *

Sonntag, November 23rd, 2008

Er reißt die letzten Blätter von den Bäumen,
Der Sturm. Durch Gassen fliegt manch ein Toupet.
Die so Entblößten jodeln laut: Oh Weh!
Der Dichter denkt, was soll ich darauf reimen?

Daß die enthemmten Winde gröhln und greinen.
Das nervt die Tante, wenn sie schlürft Kaffee.
Er reißt die letzten Blätter von den Bäumen,
Der Sturm. Durch Gassen fliegt manch ein Toupet.

Jetzt werfen Dächer gar mit Ziegelsteinen
Und kümmern einen Dreck sich um Fairplay.
Das alles ist doch nichts als ein Klischee.
Die Wolken ziehen Fratzen in den Träumen.
Er reißt die letzten Blätter von den Bäumen,
Der Sturm. Durch Gassen fliegt manch ein Toupet.

* für Gerda

Gefangen*

Donnerstag, November 20th, 2008

Leute trinken Bier in Schenken,
Trinken lärmend Stund um Stund,
Bis sich gelbe Nebel senken,
Die Gedanken sich verrenken,
Was ist eckig und was rund.

Vor dem Strich noch einen Klaren
Und dann torkelnd Richtung heim,
Mit dem Auto Schleifen fahren,
Staub und Schweiß von toten Jahren
Kleben an mir zäh wie Schleim.

Kann nicht eure Sprache teilen,
Nicht das Maß und nicht die Zeit.
Stecke zwischen spitzen Keilen,
Im Gewind von Drähten, Seilen
Alles Nahe scheint so weit.

Bin in meiner Haut gefangen
Und die ist mir viel zu eng.
Trotz der Trauer auf den Wangen
Mündet jeglich Unterfangen
In der Kluft von aber - wenn.

Einmal mich im andern finden
Und das andere in mir:
Wie des Baumes morsche Rinde
Fiele Haut. Und mit den Winden
Wandle ich mich rück zum Tier.

Leute taumeln durch ihr Leben,
Ohren taub, die Augen blind,
Hände zittern, Lippen beben,
Und zu Hause weint ein Kind.

*aus d. Vorzeit der Versfabrik, geschrieben 1994

Der Dichter *

Dienstag, November 18th, 2008

Ich reime Verse, Strophen zum Gedicht,
Das heißt, ich bin auch Maler, Musikant,
Bin höflich meistens, manchmal provokant,
Vor allem hab ´ ich Augen im Gesicht,

Die schaun ins Dunkel und sie schaun ins Licht,
Und was sie sehen, bleibt nicht ungenannt.
Ich reime Verse, Strophen zum Gedicht,
Das heißt, ich bin auch Maler, Musikant.

Solang der Bube noch den König sticht,
Bleib ich den Eierköpfen unbekannt,
Doch nur wer schwimmt, gewinnt schlußendlich Land,
Und alles andere ist bloß Gerücht.
Ich reime Verse, Strophen zum Gedicht,
Das heißt, ich bin auch Maler, Musikant.
* für Gerda

Der Mann mit dem Bohrer *

Montag, November 17th, 2008

Der Mann, der morgens mit der Bohrmaschine
Den Leuten Löcher in die Köpfe macht,
Und manchmal kommt er auch im Traum zur Nacht,
Ist ein Produkt aus der Humanlatrine.

Längst taub vom Lärm, mit öliger Routine
Geht er ans Werk, als ging´s zur letzten Schlacht,
Der Mann, der morgens mit der Bohrmaschine
Den Leuten Löcher in die Köpfe macht.

Er bohrt und bohrt mit irr verzerrter Miene,
Mit Stoppel im Gesäß und Klempner-Tracht,
Sodaß das Fundament der Erde kracht,
Wie eine ausgehöhlte Konkubine.
Der Mann, der morgens mit der Bohrmaschine
Den Leuten Löcher in die Köpfe macht.

*für Gerda

Im Traum*

Dienstag, November 11th, 2008

Im Traum auf weiten Wiesen Blumen pflücken,
Zu einem Kranz sie flechten für dein Haupt,
Wild duftend, daß es dir die Sinne raubt,
Wenn alle Gräser tanzen voll Entzücken.

Natur in jede Richtung, die wir blicken,
So unberührt, daß es kein Mensch mehr glaubt.
Im Traum auf weiten Wiesen Blumen pflücken,
Zu einem Kranz sie flechten für dein Haupt.

Und rasten, wo die Amseln uns beglücken,
Am Waldrand, unter Bäumen dicht belaubt.
Fern liegt die Stadt, voll Wahnsinn und verstaubt,
Mit Menschen, die wie Automaten ticken.
Im Traum auf weiten Wiesen Blumen pflücken,
Zu einem Kranz sie flechten für dein Haupt.

*für Gerda

Am Gürtel*

Montag, November 10th, 2008

Am Trottoir verkehren Leder-Huren,
Umkreist vom Freierpack in Limousinen,
Passanten stinken von Kanaltribünen,
Der Lärm schlägt in die zähe Luft Blessuren.

Die Hausfassaden tragen Staubfrisuren.
Der Horizont ist brüchig wie Ruinen.
Am Trottoir verkehren Leder-Huren,
Umkreist vom Freierpack in Limousinen.

Aus Fenstern glotzen blinde Kreaturen,
Hinab auf einen Strom von Blechsardinen.
Darüber bauchen gelbe Wolkendünen.
Laternen krümmen sich wie Zeitskulpturen.
Am Trottoir verkehren Leder-Huren,
Umkreist vom Freierpack in Limousinen.

*für Gerda