Archive for the ‘02 Verse’ Category

Das geheime Wort

Montag, Mai 11th, 2009

Durch wilder Träume Fratzen aufgewacht,
Steh ich verschlafen noch vorm Badespiegel,
Der Kopf fühlt sich so schwer an wie ein Ziegel.
Was war es nur, woran ich kurz gedacht.

Je mehr ich mich auch mühe, es ist fort.
Vor mir das Monotone meiner Tage,
Minuten wandeln sich zur Mückenplage.
Ach, hätt ich nur den Zauber, jenes Wort.

Mir schwindelt mitten auf der Hängebrücke,
Schau ich hinab auf meiner Seele Grund.
Darüber öffnet sich des Daseins Mund

Und grinst mit schwarzen Zähnen voller Tücke.
Dort liegt die Zukunft, dort Vergangenheit.
Doch beide scheinen um dies Wort zu weit.

Der Tag trägt Trauer

Sonntag, Mai 10th, 2009

Im grauen Heute muß ich Trauer tragen,
Die Stunde naht vom Tod der letzten Wale.
Die nach uns, falls sie sind, die werden fragen:
Was waren sogenannte Ideale,
Die wir da fanden, abgelegt im Graben,
Im Abflußrohr, im kotigen Kanale,
Getauscht wofür, wir sehen kein Profil,
Nur einen alten Mann fern im Exil.
Aufrecht, den Kopf nicht neunzig Grad gedreht,
Wie jenes Volk, dem er einst vorgestanden.
Und ein Planet, der längst schon überbläht;
Jahrtausenddenken scheitert, geht zuschanden
Im harten Sturm, der durch Gebirge weht,
In roher Hand von kriminellen Banden.

PS: Aus d. Vorzeit d. versfabrik.at, 1994

Kannibalen

Freitag, Mai 8th, 2009

Unter dem wild zuckenden Herz der Sonne,
Steil vermehren sich die Kannibalen,
Schleimspurend im zerfleischten Tag.

Sie häuten die Wolken mit spitzem Metall
Und legen Feuer in knochige Bäume.
Sie schleifen die Erde mit schwarzem Gebiß.

Über sinnlich kreisenden Würmern,
Hoch lärmend hausen die Kannibalen
In blutigen Kirchen und Gier.

PS: Aus d. Vorzeit d. versfabrik.at

Was taten wir der Welt

Donnerstag, Mai 7th, 2009

Was wurde aus dem Regen?
Was taten wir der Welt?
Der Bauern einstig Segen
Für gutes Korn am Feld,
Ist heute Schadenbringer,
Ein tödlich Pflanzengift.
Schon schwenkt des Teufels Finger,
Daß es die Menschen trifft.

Und hoffen, reparieren,
Hier einerseits und dort
Ganz schnell noch abkassieren,
Gleich dem Prinzipe Sport.

Der Kreislauf ist zerschlagen,
Ersetzt durch Denkerplan.
Der bringt nur neue Fragen
Auf einer schrägen Bahn.

Was machten wir zu Erden,
War solches unser Sinn,
Was soll denn jetzt bloß werden,
Da ringsum alles hin?

PS: Aus d. Vorzeit d. versfabrik.at, 1994

Kein Fahrgestell

Mittwoch, Mai 6th, 2009

Ich fühle mich von allen mißverstanden.
Doch fragst du mich warum - ich weiß es nicht.
Vielleicht liegt es daran, daß mein Gedicht
Kein Fahrgestell hat, um bei euch zu landen.

Verse sind Würmer

Dienstag, Mai 5th, 2009

Ja, Verse sind wie Würmer, die da kriechen
Heraus aus den Gedanken aufs Papier,
Und öfter auf den Bildschirm, wie jetzt hier,
Wo sie dann eine Zeitlang wortreich siechen,
Bevor sich hinter ihnen schließt die Tür.

Krise, Krise

Sonntag, Mai 3rd, 2009

Ja, sie haben es geschafft,
Uns die Krise einzuimpfen,
Daß wir jetzt mit aller Kraft,
Nein, nicht denken, sondern schimpfen,
Während Politik derweil
Das System neu installiert,
Ein System, das schnell und steil
Direkt in den Abgrund führt.
Aber statt geeint zu handeln
Hör ich alle endlos reden.
Und so wird sich gar nichts wandeln
Hin zu einem bessern Leben.

So ein Dichter

Samstag, Mai 2nd, 2009

Nicht schon wieder so ein Dichter
Mit enormem Breitgesäß.
Und was glaubt ihr, Leute, spricht er?
Von dem “Heiligen Gefäß”
Und er meint dabei ja sich.
Eitel juckt nicht nur der Beitel,
Auch sein Sein ist ärgerlich.
Dafür schneit sein lichter Scheitel
Schuppen übers ganze Jahr.
Und was er tagtäglich dichtet,
Sein verbales Pissoir,
Wenn er nur darauf verzichtet,
Würd zwar keiner was gewinnen
Außer ihm, und zwar viel Zeit,
Etwas Neues zu beginnen,
Wo nicht jeder Hilfe schreit.
Und so mach ich nun ein Ende
Diesem dummen Dichter- Sein
Und verschränke meine Hände
Um den Hals der Flasche Wein.

Ja und Amen

Dienstag, April 28th, 2009

Manche sagen ja und Amen,
Ganz egal, was es auch sei.
Ob nun Herren oder Damen:
Nur nicht denken. Das macht frei.
Und im engen Daseins-Rahmen
Ist uns Freiheit einerlei.
Lieber dumm sein und verdrängen
Als das Köpfchen anzustrengen.

Unruhe

Montag, April 27th, 2009

Am Abendsaum verfolgen Mückenschwärme
Den Heimwärtsziehenden auf krummen Wegen
Im Osten krallt sich zornig neuer Regen
Im Westen taumeln alterskranke Sterne

In dicken Leibern stecken blaue Winde
Ein Lachen fällt zu Boden und bleibt liegen
Die Staubfrau schmiert es kreischend von den Stiegen
Mit roten Sicheln tätowiern sich Blinde

Im Randspital baut mann auf Angst vielleicht
Wenn tief im Schädel Fremdimpulse ticken
Und Polizisten hart den Penis zücken
Bevor ein Wanderer die Nacht erreicht

PS: Aus d. Vorzeit d. versfabrik.at